Neues Leipzig-Logo 2025: Kosten, Kritik & Bewertung
Zwei Dinge vorab: Erstens, wir lieben Leipzig. Ehrlich. Nicht nur, dass enge Freunde ihren Lebensmittelpunkt in die Stadt verlegt haben und viele von uns seitdem regelmäßig dort zu Gast sind, nein, jeder in der Agentur erinnert sich zudem an viele schöne Lebensmomente inmitten dieses Trendvulkans des Ostens. Zweitens: Bei Edenspiekermann, der Agentur, die für das Rebranding verantwortlich zeichnet, können wir zwar nicht von Liebe, aber zumindest mal von ehrfürchtiger Bewunderung des Portfolios und der Professionalität dieser sprechen.
Mit diesen grundlegenden Punkten aus dem Weg haben wir bereits kurz nach dem Relaunch der Marke eine analyse geliefert, die wie hier nun nochmals mit etwas Abstand aktualisiert vorlegen. Es ging um die neue Website Leipzigs, die am 05. November 2025 live geschalten wurde und dabei für ziemliches Aufsehen gesorgt hat. Der Hauptgrund: Das neue Corporate Design der Stadt.
Wie sieht das neue Leipzig-Logo aus?
Wenn wir uns vom Offensichtlichen aus nähern, sehen wir die Stilisierung des Wappentiers der Stadt, dem meißnischen Löwen, getreu des Trends, den wir gern „reduced to the minimum“ nennen. Dazu gesellen sich die Landsberger Pfähle, die beiden blauen Balken des Stadtwappens. Sie sind zwischen dem Löwen und dem doppelzeiligen „Stadt Leipzig“ Schriftzug in der neu entwickelten Schriftart „Leipzig Sans“ gesetzt. Kein Wappen mehr, keine rote Zunge, keine roten Klauen und im ersten Blick auch kein Gold. Doch ist das schon alles?
Erste Reaktionen auf das neue Leipzig-Logo: Was sagt die Öffentlichkeit?
Die Reaktionen auf das Rebranding von Leipzig sind – wie soll man es in der digitalen Konstellation des Jahres 2025 anders erwarten – affektgeladen. Eine Sache, die man im Zusammenhang der medialen Berichterstattung immer wieder liest, sind die Kosten des Rebrandings. 700.000 Euro sind die zentrale Summe des anfänglichen Diskurses. Weder etwa die Leipziger Volkszeitung noch NTV machen sich die Mühe das Budget in der heißen Phase der Berichterstattung zum Launch hinsichtlich Leistungsumfang, Roll-Out-Kosten oder Lizenzgebühren differenziert zu hinterfragen - warum auch? Pauschale Beträge und der direkte Bezug dieser „zum Logo“ polarisieren ja besser. Was macht man heute nicht alles für höheres Engagement?!
Ein Blick auf die Socials zeigt neben der rein humoristischen Qualität einiger Kommentare („Kann man das alte Logo irgendwie wieder zurückholen?“) sowie natürlich positivem Feedback, auch zwei sich wiederholende Themen: Erstens das Unverständnis einiger Bürger:innen ob der verbreiteten Kostensumme, gepaart mit einer offensichtlich missfallenden Ästhetik und zweitens die Forderung nach eigener Mitbestimmung.
Aus der Vogelperspektive: Was ist unser Blick auf das Ganze?
Was kostet das neue Leipzig-Logo wirklich? Die 700.000 €-Frage
Fangen wir mal mit dem Budget an. Die Stadt selbst schrieb in einem Insta-Post zuerst nur pauschal davon, dass es eben nicht nur Logo, sondern strategische Konzeption für alle städtischen Unternehmen, CD, Umsetzung aller Kommunikationsmittel und Entwicklung der neuen Schrift sind, die entwickelt wurden. Ungeachtet der Art des Konzeptions- und Umsetzungprozesses ist dessen Umfang für eine Stadt wie Leipzig mit allen Inhalten in Website bzw. Bürger:innenportal keine Wochenendaufgabe für einzelne Freelancer:innen, sondern ein Mammutprojekt, was allein mit den internen Anspruchsgruppen abgestimmt, beträchtliche Komplexitäts- und Koordinationskosten für die Agentur bedeutet. Das traut sich nicht jede Agentur und zur Zufriedenheit der Auftraggeber:innen setzen es noch weniger um.
Über die Transparenz- und Informationsplattform FragDenStaat wurde am 23.12.2025 eine Anfrage zu den detaillierten Kostenbestandteilen von offizieller Seite der Stadt beantwortet und schafft somit nun auch belastbare Klarheit. Die Gesamtkosten des Projektes beliefen sich demnach auf rund 670.000 €, darin enthalten:
- Beratung- und Analysephase zur Erstellung der EU-weiten Ausschreibung: 60.000 €
- Logoentwicklung: 15.000 €
- Projektmanagement: 30.000 €
- Webdesign inkl. UI & UX sowie Prototyping und Testing: 139.468 €
- operative Umsetzung des Corporate Design auf leipzig.de: 114.000 €
- Entwicklung der Schrift "Leipzig Sans": 93.000 €
Die sich aus diesen Posten ergebende Differenz zu den angegebenen Gesamtkosten beträgt rund 218.500 € und kann aus den Formulierungen der Antwort aus Leipzig u. a. auf das entwickelte Markenportal, die Projektkommunikation, -Dokumentation sowie die Produktion zusätzlich benötigten Contents zurückgeführt werden.
Wir sind der Meinung, dass dies zwar nicht günstig, aber dennoch ziemlich fair erscheint. Zum einen gewährleistet die EU-weite Ausschreibung zumindest einen gewissen Grad an Transparenz der Kosten im Vergleich der Anbieter:innen, zum anderen ist auch unsere eigene Erfahrung die, das Projekte dieser Größenordnung im Kontext der aktuellen Kostensituationen in Agenturen und trotz des KI-Booms eben in diesem Bereich liegen.
Kommunikation und Komplexität
Was aus unserer Sicht im Rahmen dieser Projekte jedoch wichtig ist, ist diese Komplexität so verständlich und transparent wie möglich an die Bürger:innen zu kommunizieren. Nicht jede:r ist Profi im Bereich Kommunikation und kann solche Kosten und deren Angemessenheit einschätzen. Zu einem Zeitpunkt an dem die Zivilgesellschaft, gerade die der östlichen Bundesländer (wir sagen das ohne jegliche Polemik), ihr Verständnis zu Demokratie stärker reflektiert, polarisieren öffentliche Diskurse stärker als jemals zuvor nach 1990. Denn das Rebranding einer Stadt ist auch immer politisches. Wenn wir als Gesellschaft die negativen Auswirkungen populistischer Parteien täglich erneut vor Augen haben, ist ein soziales, gesellschaftliches Bewusstsein im Umgang mit der eigenen Arbeit – als Auftraggeber:in und als Agentur – gefragter denn je.
Bürger:innenbeteiligung
Ein seinerseits etwas polemischer Kommentar von Thomas Köhler im Onlineportal Leipziger Zeitung legt den Finger dabei in die richtige Wunde. Zwar wurde bereits am 6. November 2024 die Zusammenarbeit zwischen Edenspiekermann und Leipzig im Zuge des neuen Corporate Designs von offizieller Seite angekündigt, jedoch bezieht sich Köhler auf eine, uns nicht vorliegende, Beschlussvorlage aus Januar 2023 zum Start des Projekts, die einen Teil des Problems zu lüften scheint. In dieser, so Köhler, hieß es: „Bürgerbeteiligung nicht erforderlich“. Die entscheidenden Gremien Leipzigs haben also offenbar bewusst eine Beteiligung der Bürger:innen im Rahmen dieses durchaus relevanten Projekts als nicht notwendig oder zielführend gewertet.
Und noch einen Punkt halten wir für nicht optimal im Zuge des Projektes. In der offiziellen Antwort Leipzigs auf die FragDenStaat-Anfrage ist zu lesen: "Auf ein öffentliches Rollout wurde verzichtet, aus diesem Grund fielen hier auch keine externen Kommunikations-, Produktions- oder Rollout-Kosten an" (FragDenStaat, Zugriff am 15.04.2026). Klar, dies kann von städtischer Seite als positives Signal im Sinne der Einsparung von Kosten gedeutet werden, führt hier jedoch genau zum umgekehrten Effekt. Eine nachvollziehbare Kommunikation hätte ggf. auch ohne Bürger:innenbeteiligung von Beginn an zu Verständnis und Identifikation führen können.
Identifikation und Repräsentation
Auftritte von öffentlichen Körperschaften – gerade von Städten, Kommunen, Ländern – bieten Identifikation. Egal ob man sie jetzt als hübsch, fad, fancy oder old-school empfindet, unsere Hypothese ist, dass gerade solche Marken, die sich um die Lebensmittelpunkte von Bürger:innen drehen, zu Teilen unserer Identität werden (können). Wir fühlen uns entweder durch sie repräsentiert oder zumindest wollen wir (das sehen wir auch an den Kommentarspalten der Socials) unsere Meinung bei der Identitätsbildung repräsentiert wissen. In der auch zunehmend algorithmisch gesteuerten Öffentlichkeit gilt es diese Konfigurationen zu berücksichtigen, Reaktionen zu antizipieren und im Sinne von Anspruchgruppen und Kund:innen damit proaktiv zu arbeiten – manchmal auch, wenn wir selbst infrage stellen, ob deren Geltungsansprüche gerechtfertigt sind.
Beteiligung ist nicht gleich direkte Demokratie
Ein Ansatz dabei wäre es gewesen, den Konzeptionsprozess zumindest mit einer selektiven zivilgesellschaftlichen Beteiligung durchzuführen und nicht wie oben gezeigt von Beginn an auszuschließen. Diese Integration gilt es dann ebenso zu kommunizieren. So kann Bürger:innen proaktiv gezeigt werden: Wir hören euch, wir nehmen euch ernst, auch wenn wir euch nicht alle befragen können. Natürlich ist der Selektionsprozess einer solchen Beteiligung für eine passende Repräsentation verantwortungsvoll zu gestalten und dazu sozialwissenschaftlich fundierte Kriterien aufzustellen sowie transparent und glaubwürdig zu kommunizieren. In diesem Zuge können auch Bedenken und Kritik, etwa in den sozialen Medien auftretende Fragen ob der Rechtmäßigkeit des Mitteleinsatzes im Vergleich zu notwendigen Investitionen in soziale Belange der Bildung oder Kitas, aufgegriffen und öffentlich diskutiert werden. Ein Launch-Post auf Insta und ein Fire-Fighting-Post, der auf die negativen Reaktionen im Anschluss reagiert, ist da jedenfalls noch nicht mal das Minimum. Projekte dieser Tragweite im Bereich demokratischer Öffentlichkeit müssen unseres Erachtens mit einer eigenen Kampagne begleitet werden. Dazu benötigt es jedoch nicht nur entsprechendes Bewusstsein, sondern auch die Bereitschaft diese Verantwortung auszufüllen, die Mehrkosten zu tragen sowie entsprechende Kompetenzen auf Agenturseite.
Fazit: Was wird jetzt aus dem neuen Leipzig-Logo und dem Corporate Design?
Obschon wir den eigenen Stil der Marke mitsamt für uns zu gering ausgefallenem Wiedererkennungseffekt zu älteren Iterationen, den nicht-wahrnehmbaren öffentlichen Beteiligungsprozess und die Veröffentlichungskampagne anders angegangen wären: Das, was geschaffen wurde, ist konsistent, professionell und hebt sich von der Masse der Städte in Deutschland durchaus positiv ab. Jetzt liegt es an Leipzig diese Veränderungen anzunehmen und gemeinsam mit Bürger:innen in einen konstruktiven Austausch zu gehen. Rein affektgeladene oder reaktionäre zivilgesellschaftliche Kritik hilft dabei genauso wenig wie mangelnde Kommunikation und Ernsthaftigkeit in der Reflektion dieser.
Wenn wir gleich mal beim Fazit sind: Den Weg, einen konsistenten Markenauftritt über alle Untermarken zu entwickeln und ein Designsystem zu schaffen, welches für eine Pluralität an Anspruchsgruppen funktioniert sowie in einer komplexen Verwaltungsumgebung anwendbar ist, gehen die wenigsten privatwirtschaftlichen Unternehmen. Noch weniger öffentliche Körperschaften mit dieser Art Mut sind uns bekannt. Wenn alle städtischen Marken einen wiedererkennbaren Kern haben, so kann daraus für Mitarbeiter:innen, Bürger:innen sowie Außenstehende hohes Identifikations- und Orientierungpotenzial erwachsen. Hier können wir also nur unseren Hut vor Leipzig ziehen, obschon wir hier natürlich das oben genannte Verbesserungspotenzial sehen.
Foto von Paul Kapischka auf Unsplash.